…und dann ist da noch die Menschlichkeit

Am Sonntag stimmen wir über die 10-Millionen-Initiative der SVP ab. Die Argumente gegen die brandgefährliche Vorlage liegen auf der Hand: Sie gefährdet den bilateralen Weg mit der EU, was nichts Gutes für die Schweiz bedeutet. Auch der Pool an dringend benötigten Fachkräften schränkt sich ein. Argumente, die ich zu 100 Prozent unterstütze. Was mir in der ganzen Debatte jedoch fehlte, ist das Argument der Menschlichkeit.

Kürzlich haben wir den Villaggio-Weg in Heuhegi eröffnet. Ein Strässchen zwischen dem Schulhaus Eulachpark und der Halle 710, das an die Winterthurer Migrationsgeschichte der 1960er und 1970er Jahre erinnert. Industrieunternehmen wie Sulzer holten damals tausende von arbeitswilligen Männern und Frauen aus dem Süden Italiens und aus Spanien. Die Arbeiter wohnten unter prekärsten Verhältnissen in Baracken, das Saisonnierstatut verunmöglichte den Nachzug von Familienmitgliedern. Die starke Zuwanderung heizte die politische Stimmung an. Die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach wurde von der Schweizer Bevölkerung zwar abgelehnt, hatte in Winterthur aber eine Mehrheit gefunden.

Jahrzehnte später wissen wir: Migrantinnen und Migranten, die als billige Arbeitskräfte, nicht aber als Menschen willkommen geheissen wurden, haben wesentlich zum Erfolg von Sulzer und anderen Unternehmen beigetragen. Heute sind sie und ihre Nachkommen bestens integriert und tragen zur vielfältigen Kultur der Schweiz bei.

Ich wünsche mir, dass dieser Aspekt in unserem Umgang mit der Zuwanderung niemals vergessen geht, und dass wir Fachkräfte auch in künftigen Debatten nicht nur als Ressourcen betrachten. Um mit den Worten des Schweizer Schriftstellers Max Frisch zu enden: Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.

Christa Meier
Vorsteherin Departement Bau und Mobilität, Stadt Winterthur